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PSYCHOLOGIE HEUTE

Skeptisches Denken

"Man braucht Mut, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen" ...
Wissenschaftler X belegt. Statistik Y weist nach ...Handfesten Daten und wissenschaftlichen Analysen vertrauen wir in der Regel blind. Doch auch hier ist Skepsis angebracht, meint Gerd Gigerenzer, Professor für Kognitions- und Risikoforschung und Direktor des Berliner Max-Planck-lnstituts für Bildungsforschung

PSYCHOLOGIE HEUTE Wir alle suchen Gewissheiten - und verlassen uns dabei oft auf Autoritäten, von denen wir annehmen, dass sie in bestimmten Dingen besser Bescheid wissen als wir: Ärzte, Wissenschaftler, Wirtschaftsexperten. In Ihrem neuen Buch Das Einmaleins der Skepsis. Über den richtigen Umgang mit Zahlen und Risiken (Berlin Verlag 2002) zeigen Sie, dass dies ein Trugschluss ist. Warum?
GERD GIGERENZER Autoritäten sind Menschen, die schwierige Problemen zu lösen versuchen, welche mit Unsicherheiten behaftet sind. In der Medizin beispielsweise gibt es für eine Reihe von Erkrankungen keine wirksameTherapie, und diagnostische Tests produzieren regelmäßig Fehler - HIV- Tests, DNA- Tests und Mammografie sind Beispiele. Angehenden Medizinern genauso wie Juristen wird in ihrer Ausbildung jedoch kaum beigebracht, wie man rational mit Unsicherheiten und Risiken umgehen kann und wie man diese dem Laien verständlich mitteilt. Als Konsequenz verleugnen oder überspielen manche Experten Unsicherheiten und Risiken, und viele Patienten und Laien wollen die angebotenen absoluten Sicherheiten auch allzu gerne glauben. Was wir anstelle der Illusion von Sicherheit brauchen, ist Mut. Mut, sich klar vor Augen zu halten, dass wir in einer Welt von Unsicherheiten leben und Mut, diese Unsicherheit nicht zu verleugnen. Wie Benjamin Franklin sagte: "In dieser Welt ist nichts gewiss - außer dem Tod und den Steuern." Somit geht es nicht um das Misstrauen gegenüber Autoritäten, sondern um das Misstrauen gegenüber der Illusion von Sicherheit - einschließlich der eigenen.
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PH Moderne Risiken -von der Wahrscheinlichkeit eines Autounfalls über die Wahrscheinlichkeit, an Brustkrebs zu erkranken - werden über Statistiken vermittelt. Verstehen wir diese Statistiken immer richtig?
GIGERENZER Leider nein, weil die Risiken häufig nicht verständlich kommuniziert werden. Im Moment gibt es in Deutschland beispielsweise eine aufgeregte Diskussion über Mammografie-Screening. Die Kernfrage ist: Sollen die Kassen das Screening finanzieren oder nicht? Die Befürworter argumentieren, dass das Screening das Risiko, an Brustkrebs zu sterben, um 25 Prozent reduziert. Das klingt gut. Doch was bedeuten diese 25 Prozent? Die meisten Laien missverstehen diese Zahl und werden in die Irre geführt. Von 1000 Frauen ab 40, die nicht am Screening teilnehmen, werden 4 im Verlauf der nächsten 10 Jahre an Brustkrebs sterben. Und von 1000 Frauen, die am Screening teilnehmen, werden drei sterben. Die Reduktion von 4 auf 3 sind die genannten 25 Prozent. Wenn man den Nutzen des Screenings in absoluten Risiken, also als eine von 1000 Frauen, darstellt, ist dieser klar zu verstehen, nicht aber, wenn man denselben Nutzen in relativen Risiken, also 25 Prozent, ausdrückt. Die verständliche Darstellung wird jedoch in den Informationsbroschüren der deutschen Gesundheitsbehörden wie auch in den Medien kaum gewählt.
PH Aber bei der Fülle an Informationen und Expertenmeinungen zu Krebsrisiken, BSE oder eben Screenings blickt doch sowieso niemand mehr durch. Wie können wir denn sicher sein, dass wir gut informiert sind - und wo sollte uns Skepsis leiten?
GIGERENZER Sie haben einen guten Grund zum Misstrauen, wenn Ihnen jemand eine Vorgehensweise als völlig sicher anpreist. Oder wenn etwas nur Vorteile zu haben scheint. Skepsis ist beispielsweise dann angebracht, wenn ein Arzt eine Behandlung mit den Worten präsentiert: "Hier haben Sie die Wahl zwischen Sicherheit und Risiko." Denn die Sicherheit ist in der Regel eine Illusion, die Wahl ist meist zwischen zwei Risiken. Um den Fall der Mammografie wieder aufzunehmen: Der Vorteil des Screenings ist, wie gesagt, dass eine von 1000 Frauen einen Nutzen hat. Das heißt aber auch, dass 999 keinen Nutzen haben. Auf der anderen Seite müssen diese Frauen mit Nachteilen rechnen: nämlich der großen Anzahl von falsch-positiven Befunden und den damit verursachten Ängsten und Nachuntersuchungen, einschließlich Biopsien. Etwa jede zweite Frau, die nicht Krebs hat und die regelmäßig zum Screening geht, wird mindestens einmal ein falsch-positives Ergebnis haben. Da den meisten deutschen Frauen diese hohe Fehlerrate nicht mitgeteilt wird, löst ein positives Testergebnis ein Ausmaß von Angst und Schrecken aus, das vermeidbar wäre. Ein zweiter Nachteil des Screenings besteht in der Entdeckung von Karzinomen, die sich nicht weiterentwickeln würden und welche die Patientin während ihres weiteren Lebens nie bemerken würde. Durch die Früherkennung mittels Mammografie wird die aber Schaden erleiden -Mastektomie, Tumorektomie, mit allen psychischen und körperlichen Folgen. Dieser mögliche Schaden der Früherkennung ist den meisten Frauen ebenfalls unbekannt. Ich finde nun, es kann nicht im Sinne einer aufgeklärten demokratischen Gesellschaft sein, wenn man Frauen schlicht anweist, zur Mammografie zu gehen, oder gar Schuldgefühle erzeugt. Sondern es geht darum, die Information über möglichen Nutzen und mögliche Nachteile in verständlicher Weise zu geben und Frauen zu ermutigen, selbst zu entscheiden.
PH Auch gegen den Willen des Arztes, der vielleicht zum Screening rät?
GIGERENZER Viele Leute verstehen nicht, dass die Kosten-Nutzen-Rechnung des Arztes in der Regel eine andere ist als die des Patienten. Der Arzt muss sich absichern, auch gegen den Patienten, weil dieser ihn vielleicht verklagen würde, wenn er eine vorhandene Krankheit nicht diagnostiziert. Deswegen wollen viele Ärzte möglichst alle Tests am Patienten auch zur eigenen Absicherung durchführen. Das ist jetzt keine Arztschelte. Aber als mündiger Bürger muss man wissen, dass es immer Interessenkonflikte gibt, in deren Verlauf Informationen unterschiedlich dargestellt werden. Denken Sie an die Zigarettenwerbung bis in die 70er Jahre hinein. Rauchen ist ungefährlich. Als dann diese Illusion von Sicherheit zusammenbrach, kam die Vernebelungstaktik: Man weiß es nicht genau. Heute wissen wir, dass man es wusste. Manche Institutionen haben ein handfestes Interesse daran, dass es genügend unmündige Bürger gibt.
PH Der mündige Bürger kommt also nicht um eine eigene Einschätzung der Lage herum. Doch die Fähigkeit, in Statistiken verpackte Informationen zu entschlüsseln, ist in Deutschland nicht besonders weit verbreitet. Was muss sich ändern?
GIGERENZER Ich glaube nicht, dass die Zahlenblindheit eine typisch deutsche Krankheit ist, es ist vielmehr ein globales Phänomen. Wenn wir in den Schulen früh anfangen würden, statistisches Denken zu lehren und nicht nur Algebra und Geometrie -zwei wichtige Systeme in einer Welt von Sicherheit -, dann hätten wir schon einen ersten Schritt gemacht. Unser Max-Planck-lnstitut arbeitet beispielsweise mit einigen deutschen Ärztekammern zusammen, um Empfehlungen zu geben oder Richtlinien zu erstellen, wie in Informationsbroschüren Risiken verständlich kommuniziert werden können. Auch in medizinischen Fachzeitschriften, auf Fortbildungen und im Studium sollen Mediziner für das Thema "Risikokommunikation" sensibilisiert werden. Das Gleiche gilt für andere Bereiche unserer Gesellschaft. Verstehen Sie mich nichtfalsch. Es geht nicht darum, anderen Leuten vorzuschreiben, ob sie besser Auto fahren oder aber das Flugzeug nehmen sollen, oder Frauen zu ermahnen "Gehen Sie zur Mammografie!" oder das Gegenteil zu predigen. Die Idee eines mündigen Bürgers ist nicht, dass er heute auf die eine und morgen auf die gegenteilige Botschaft hört. Ein mündiger Bürger ist jemand, der lernt, sich selbst zu informieren. Und dann aufgrund seiner Werte eine vernünftige Entscheidung trifft. Information und Wissen ist aber nur der halbe Weg - man braucht auch den Mut, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen.

[gefunden in: Psychologie heute Juli 2002]
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