Medienkompetenz
Welche Auswirkungen hat die zunehmende Digitalisierung des kindlichen (Schul-)Alltags auf die Sprachfähigkeit, das Lesenlernen und Leseverhalten?
"Ich bin online, also lerne ich", so lautet die schlichte Botschaft, in zahllosen Medienbildern immer wieder aufs Neue verbreitet wird. Ob und was Kinder und Jugendliche im Umgang mit dem Computer, mit CD- ROM und Internet tatsächlich lernen, darüber ist noch wenig bekannt. Forscher der Ohio State University befassten sich mit den Auswirkungen der zunehmenden Digitalisierung von Texten auf das kindliche Textverständnis und die Verankerung im Gedächtnis des Schülers: Wie ist ein Text besser zu verstehen, wie merkt sich ein Kind einen Text besser -gedruckt oder digital? Das Ergebnis: Gedruckt ist derselbe Text leichter zu verstehen, als wenn er auf dem Bildschirm erscheint. Beiträge in gedruckter Form wurden auch als interessanter und überzeugender empfunden. Die Begründung der Forscher: Die Seharbeit am Bildschirm entspricht nicht dem ganzheitlichen visuellen Wahrnehmungsbedürfnis des Auges. Und Papier ist (zumindest im Augenblick noch) ein besseres Lesemedium als der Bildschirm.
Das muss aber noch nicht heißen, dass Kinder heute schlechter lesen. Eine der wenigen empirischen Studien zum Einfluss des Computers auf die Lesefähigkeiten und Lesegewohnheiten von Kindern ist unter der Leitung von Andrea Bertschi-Kaufmann an der Höheren pädagogischen Lehranstalt des Kantons Aargau entstanden (Lesen und Schreiben in einer Medienumgebung, Aarau 2000). In 20 Primarschulklassen wurde im Rahmen eines Leseprojektes eine vielseitige Bibliothek eingerichtet und mit multimedialen Angeboten ergänzt. Bei der CD-ROM-Auswahllegte man Wert auf eine Verbindung zum klassischen Buch. Elektronische Versionen von Kinderbuchklassikern, fiktionale Spiele, in denen das Buch ein wichtiges Inhalts- und Gestaltungselement war, sowie sachorientierte CDROMs, die als Nachschlagewerke dienten, wurden eingesetzt.
Beim Vergleich mit Schulklassen mit reinem Buchangebot ohne Multimedia zeigten sich überraschende Ergebnisse: Das multimediale Zusatzangebot wirkte sich keineswegs negativ auf die Lese- und Schreibfähigkeiten der Kinder aus. Elektronische Medien und Internet erwiesen sich als hilfreiche Partner des Buches, und das elektronische Zusatzangebot wirkte auf das geschlechtsspezifische Leseverhalten sogar ausgleichend. In einer multimedialen Umgebung profitierten die Knaben hinsichtlich ihrer Lese- und Schreibaktivitäten stärker als Mädchen, und sie wagten sich häufiger an sprachlich und literarisch anspruchsvollere Bücher. Ohne das gedruckte Buch können Schüler allerdings weder größere Textmengen bewältigen noch eine umfassende Lesekompetenz aufbauen.
Wenn auch die Ergebnisse der Studie nur mit Vorsicht auf die kindliche Alltagssituation zu übertragen sind, weil Kinder dort naturgemäß nicht vom klar definierten Leseumfeld der Projektsituation umgeben sind, so gilt vermutlich doch, was die Studienautorin zusammenfassend schreibt: »Keine Angst vor dem Computer - aber auch in Zukunft gilt: Ohne Buch geht nichts!"
[gefunden in: Psychologie heute Juli 2002]






